Mittwoch, 29. August 2018 10:03

Serie über Geflüchtete in der Gemeinde Quierschied

„Ich bin jetzt e Saarlänner“

Aktham Al Barmawi

Amin Al Yassouf

In der Gemeinde Quierschied sind in den vergangenen Jahren immer wieder Geflüchtete heimisch geworden. Einige von ihnen – und ihre Geschichten – werden an dieser Stelle vorgestellt.

Teil II: Aktham Al Barmawi
Aktham Al Barmawi kam 2015 nach Deutschland. Zu Fuß flüchtete er aus seiner Heimatstadt Deraâ im Süden des Bürgerkriegslands Syrien in die Türkei. Von dort ging es für ihn in einem überfüllten Schlauchboot in etwa zweieinhalb Stunden über das Meer nach Griechenland. „Das war wirklich sehr gefährlich“, erinnert sich der 38-jähgrige Familienvater an die Überfahrt. Auf dem Festland ging es wieder zu Fuß weiter über Mazedonien, Serbien, Bulgarien und Österreich bis nach Deutschland. Im Juli 2015 kam er schließlich nach Quierschied. Seine Frau folgte ihm zusammen mit den drei Kindern im März 2016 im Rahmen des Familiennachzugs. Die Großeltern leben nach wie vor in Deraâ, das vor nicht allzu langer Zeit von Diktator Bashar Al-Assad zurückerobert wurde. „Meine Eltern waren in dieser Zeit in Gefahr, aber es geht ihnen den Umständen entsprechend gut“, erklärt Al Barmawi. Einer seiner beiden Brüder wohnt in München, der andere in Ägypten.
In Quierschied fühlen sich die Barmawis sehr wohl. Nachdem er seine Aufenthaltsgenehmigung hatte, arbeitete Al Barmawi drei Monate ehrenamtlich auf dem Bauhof der Gemeinde Quierschied. Danach absolvierte und bestand er die wichtigen Sprachkurse B1 und B2. Mittlerweile besitzt er sogar den deutschen Führerschein. Sohn Kais besucht die 7. Klasse der Gemeinschaftsschule in Quierschied, seine Schwester Laila, die in der Theatergruppe „Schams“ Theater spielt, geht in die 5. Klasse. Das Nesthäkchen Alma geht in den Kindergarten Maria Himmelfahrt. Vater Aktham studierte in Syriens Hauptstadt Damaskus Englische Literatur und ist von Beruf Englischlehrer. In Deutschland kann er vorerst nicht als Lehrer arbeiten: „Das ist zur Zeit etwas schwierig, weil ich zuerst fließend deutsch sprechen muss“, sagt er. Sein Deutsch ist – entgegen seiner bescheidenen Einschätzung – schon sehr gut. Allerdings müsste noch sein Abschluss-Zeugnis in Deutschland anerkannt werden. Seit dem 1. Juli dieses Jahres arbeitet Aktham Al Barmawi als Helfer-Assistent für den Schwestern Verband im Haus Hubwald in Eppelborn, wo Menschen mit Behinderungen leben. „Ich helfe den Bewohnerinnen und Bewohnern im Alltag, gehe mit ihnen spazieren, ins Café, gehe mit ihnen oder für sie einkaufen oder begleite sie zum Arzt“, zählt Al Barmawi auf und ergänzt: „Mir macht die Arbeit mit den Menschen sehr viel Spaß.“ Auch seine Frau Asmaa Alsayasna will arbeiten. Sie befindet sich derzeit in einer Arbeitsmaßnahme und ist in einer Quierschieder Kita tätig.
„Ich hoffe, dass wir die Möglichkeit haben, hier zu bleiben“, sagt Aktham Al Barmawi. Seine Aufenthaltserlaubnis läuft bald ab und die ganze Familie hofft auf eine Niederlassungserlaubnis. Die würde den Barmawis eine Zukunft in Deutschland ermöglichen. Weil sie sich durch die guten Sprachkenntnisse und mit Akthams Arbeitsstelle aktiv und erfolgreich integrieren, stehen die Chancen darauf gar nicht schlecht. „Es gibt zwar immer noch schwierige Situationen, aber Deutschland gefällt mir und meiner Familie sehr. Ich bin hier zufrieden. Ich arbeite und ich kann ein bisschen deutsch sprechen“, sagt er, „Das Wichtigste ist, dass es meinen Kindern hier sehr gut gefällt. Vor allem in Quierschied. Sie möchten nicht wieder umziehen.“ Der Härtetest fand Ende Juli statt: „Wir hatten die Möglichkeit, nach Eppelborn umzuziehen. Ich habe die Kinder gefragt und sie haben gesagt: ‚Nein! Geh doch alleine mit Mama. Wir bleiben hier‘“, erzählt er und lacht, „Also bleiben wir hier.“

Teil I: Amin Al Yassouf
Wer sich mit Amin Al Yassouf unterhält, merkt sehr schnell, dass der 28-Jährige ein positiver Mensch ist. Er floh 2012 aus Syrien und vor dem dort seit 2011 wütenden Bürgerkrieg. Seine Heimatstadt Homs wurde in den vergangenen Jahren dem Erdboden gleichgemacht. In Syrien absolvierte Amin eine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker. Er besuchte sogar schon zwei Jahre lang die Meister-Schule, ehe der Krieg seine Zukunftspläne zerstörte. Amin flüchtete zunächst in den Libanon, dann in die Türkei. Arbeit fand er hie und da, doch ein würdiges Leben nicht. Schließlich entschied er sich dazu, sich einen Platz auf einem Schiff zu erkaufen, das von der Stadt Mersin an der türkischen Südküste aus nach Italien steuerte. An Bord waren mit rund 600 Menschen – darunter viele Kinder und Senioren – viel zu viele Passagiere. Zehn Tage lang dauerte die gefährliche Überfahrt, für die Amin 7.000 US-Dollar (etwa 6.000 Euro) bezahlen musste. „Ich hatte um mich keine Angst“, sagt er rückblickend und es klingt fast makaber, wenn er mit ernster Miene darauf hinweist, dass er schwimmen kann und in Syrien sogar an Schwimm-Meisterschaften teilnahm. Seine Furchtlosigkeit hat jedoch noch andere Gründe und die zeigt er prompt: Zwei mittlerweile vernarbte Schussverletzungen aus dem Krieg. „Das waren die Scharfschützen von Assad“, sagt Amin und ergänzt: „Wir leben nur einmal.“
Nach seiner Ankunft in Italien ging es mit dem Flugzeug nach München, von dort aus in die saarländische Aufnahmestelle nach Lebach (Ende November 2014). Dort bekam er neue Papiere und während er darüber berichtet, beginnen seine Augen plötzlich zu strahlen: „Dann kam ich nach Quierschied, das beste Dorf in Deutschland. Ganz ehrlich.“ Das war 2015. In Syrien hatte er alles, was zu einem guten Leben  gehört: Eine Wohnung, ein eigenes Auto. Hier in Quierschied musste er bei Null anfangen – und nahm dies bemerkenswert sportlich: „Ich bin ja noch jung und kann das noch machen“, sagt er sich damals. Er absolvierte einen sechsmonatigen Sprachkurs. Im Anschluss belegte und bestand er den Integrationskurs „B1“ und bemühte sich um Arbeit – und fand sie. Die Autopartner Jost+Pilger GmbH stellte ihn ein. Weil seine Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird, drückt er seit gut zwei Jahren noch einmal die Schulbank. „Das war schon hart. Alle anderen waren 17 oder 18 Jahre alt und ich 28. Aber, ok, ich bin ja bald fertig“, sagt die Frohnatur. Seine Dankbarkeit für alle, die ihn seit seiner Ankunft in Quierschied unterstützt haben, ist unermesslich. Allen voran nennt er die in der Zwischenzeit verstorbene Flüchtlingshelferin Petra Stuppy-Hunold und deren Ehemann Andreas Hunold und Verwaltungs-Mitarbeiterin Waltraud Spaniol. Den Integrationshelfer der Gemeinde, Mwoloud Daoud, nennt er liebevoll seinen „großen Bruder“. „Alle haben mir sehr viel geholfen. Deshalb ist Quierschied wirklich das beste Dorf in Deutschland. Das Saarland ist mein Land geworden. Wenn ich es verlasse, habe ich Heimweh und muss schnell wieder zurück. Ich bin ein richtiger Saarländer“, sagt Amin und lacht.
Die „Weiterbildung“ zum Saarländer musste er schnell abschließen. Eine Sprachbarriere entwickelte sich nämlich erst nach dem erfolgreichen Abschluss des Deutschkurses: „Ich habe meine Kollegen anfangs gar nicht verstanden. Unser Meister sagte: ‚Amin, es tut mir leid, aber die Leute hier sprechen nur saarländisch.‘ Ich wusste nicht, was ich machen sollte, weil ich ja nur hochdeutsch gelernt hatte. Soll ich das einfach vergessen und saarländisch lernen?“, fragt er und antwortet kurz darauf selbst – und zwar in nahezu akzentfreiem saarländisch: „Eijo. Das hann ich gemach und jetzt bin ich e Saarlänner.“